Ein schöner und ausführlicher Artikel unter der Überschrift „Perlen der Provinz: Yogitown Records“ über die wachsende Musik- und Kreativszene in Bad Meinberg im Karrieremagazin für kreative Köpfe Creativeminds. Das Magazin ist zwar leider inzwischen offline, aber wir dürfen den Text hier wiedergeben:

Perlen der Provinz (1): Yogitown Records im Porträt

In der Reihe „Perlen der Provinz“ porträtieren wir Kreativköpfe und -initiativen abseits der großen  Metropolen. Heute im Fokus: das spannende Projekt Yogitown Records und sein Gründer Klaus Heitz.

Horn-Bad Meinberg – eine unscheinbare Bindestrich-Gemeinde im Niemandsland zwischen Hameln, Detmold, Paderborn. Diverse Gesundheitsreformen haben die Kurstadt gebeutelt, halbverfallene Häuser und Gaststätten zeugen vom Wohlstand vergangener Tage. Zwar bevölkern Rentner und Rekonvaleszente nach wie vor den Kurpark und die umliegenden Cafés, die Geschäfte schließen am Mittag, die Welt ist heil. Aber wohl kaum jemand würde ausgerechnet hier eine hochkarätige Musikszene vermuten.

Deren Keimzelle liegt ein paar hundert Meter abseits: In den ehemaligen Kliniken am Ortsrand ist nach dem Niedergang des Kurbetriebs das größte Yoga-Seminarhaus Europas eingezogen. Der gemeinnützige Verein „Yoga Vidya“ bietet in fast allen deutschen Städten Kurse in indischer Tradition an und hat in Bad Meinberg etwa 150 Mitarbeitern eine neue Zentrale beschert, dazu kommen wöchentlich hunderte Gäste.

Das strahlt in die kleine Gemeinde aus. So hat die Nachhaltigkeitsinitiative „Karma Konsum“ eigens ihre Büros von Frankfurt nach Bad Meinberg verlegt, es gibt einen bemerkenswert gut sortierten Bioladen und ein Mandala-Malstudio und ein altehrwürdiger Bäckermeister wirbt in der Weihnachtszeit explizit mit veganem Christstollen. Die wachsende Alternativszene zieht im Verbund mit ländlicher Ruhe, Yoga- und Ayurveda-Angebot und niedrigen Mietpreisen Musiker, Künstler und andere Kreative an. Potenzial, dass man bündeln sollte – so der Gedanke von Klaus Heitz, Gründer und Mastermind von Yogitown Records.

Vom Mittelaltermarkt ins Musikbusiness

Heitz verdiente sein Geld zuerst bodenständig als Chemieingenieur und belieferte dann mit einer eigenen Bekleidungsfirma Mittelaltermärkte in Deutschland und Frankreich. „Das hat tierisch Spaß gemacht, aber ich wollte raus aus dem Hamsterrad des immer mehr Produzierens und Konsumierens“, erzählt er freimütig beim Interview. Parallel ließ er sich zum Yogalehrer ausbilden und lernte Harfe spielen – und spürte deutlich: Beides sollte mehr Raum in seinem Leben bekommen.

„Beim Yoga geht es darum, den Körper ins Gleichgewicht bringen, Emotionen zu akzeptieren und den Geist zu befreien. Musik hat eine ähnliche Wirkung. In der Verbindung von beidem tut sich ein Raum auf, in dem Heilung passieren kann“, erläutert Heitz seine Faszination. „Dazu kommt, dass ich Yoga auf ganz praktischer Ebene als positiven Beitrag zur Gesellschaft sehe. Ich hatte eine sehr inspirierende Reise zur Divine Life Society in Indien, aus der auch Yoga Vidya hervorgegangen ist. Dort habe ich begriffen welches Ausmaß an sozialer Tätigkeit von dieser Gemeinschaft geleistet wird. Das hat den Wunsch geweckt, mich im Rahmen meiner Möglichkeiten ebenfalls zu engagieren.“

Heitz verkaufte seine Firma und investierte in eine Immobilie in Bad Meinberg, die er Schritt für Schritt zum Tonstudio und Label-Hauptquartier ausbaute. Vor Ort traf er auf die Sängern Janin Devi, die mit ihren spirituellen Popsongs inzwischen im gesamten deutschsprachigen Raum erfolgreich tourt. Bei ihren CD-Produktionen sammelte er erste Erfahrung im Musikbusiness und wurde dabei immer wieder von Musikern aus dem Umfeld von Yoga Vidya unterstützt. Parallel entdeckte das Stadtmarketing die „Yogastadt“ als touristisches Alleinstellungsmerkmal und positionierte Bad Meinberg als Modell für die Entwicklung von nachhaltigem und gesundem Leben im ländlichen Raum.

Kultur als Katalysator

All das inspirierte Heitz und seine Mitstreiter zur Labelgründung: „Unsere Kernidee ist, das musikalische Potenzial vor Ort zu bündeln und in die Welt zu bringen. Bei Yogitown Records geht es nicht primär ums Geschäft, einen Teil der Erlöse spenden wir an ein Hilfswerk in Indien. Wir sind ein Gemeinschaftsprojekt, das Musikern Entwicklungsmöglichkeiten gibt und auch Bad Meinbergs Kulturlandschaft durch mehrere Konzerte pro Jahr bereichert“, umreißt er die Mission.

Und den Ideen folgen Taten: Die erste CD „Début“, in liebevoller do it yourself-Manier produziert,  ist seit Herbst 2014 auf dem Markt und zeigt die komplette Bandbreite des Labels: Von spanischer Folklore über Lieder mit schamanischen Inhalten, von modernen Mantra-Adaptionen bis hin zu klassisch jüdischen Stücken, von Soul und Funk über Rock und Pop bis zu traditionell indischer Musik und einer Klangschalenmeditation ist alles dabei. Der Gemeinschaftssong „We found a new way“ lässt in bester „We are the world“-Manier alle Sänger nacheinander und im Chor ein ganz bestimmtes Lebensgefühl artikulieren.

„Uns geht es bei Yogitown nicht nur um die Musik. Der Grundgedanke beinhaltet Gemeinschaft, soziales und verantwortungsvolles Handeln, Nachhaltigkeit, Spiritualität und Ethik. Vernetzung ist das Ziel, wir wollen nicht wie sonst in der Musikbranche die Ellenbogen ausfahren, sondern uns gegenseitig unterstützen, motivieren und inspirieren, Werte wie Nachhaltigkeit und ein friedliches Miteinander zu leben. Das fällt ja nicht vom Himmel, wenn du das erreichen willst musst du dich mit deinen Schattenseiten beschäftigen, sonst beschäftigen sich die Schatten mit dir“, philosophiert Heitz und kommt dabei richtig in Fahrt.

Aus seinem Mund klingt das nicht esoterisch, eher handfest – und das nicht nur wegen seines deutlich bayerischen Zungenschlags. Heitz ist ein Macher, einer der hemdsärmelig herstellt was er sich vorstellt: „Solche Schattenarbeit würde vielen in unserer Gesellschaft gut tun, aber die meisten drücken sich davor oder kommen vor lauter Stress gar nicht dazu. Insofern ist es gut, wenn man sich darüber mit Gleichgesinnten austauscht, wenn man nicht alleine auf dem Weg ist, weder persönlich noch was die kreativen Prozesse betrifft. Und das gilt nicht nur für die Musiker, sondern auch für das Netzwerk aus Grafikern, Webdesignern, Fotografen, Textern, Technikern, Coaches und anderen Unterstützern. Die ziehen alle an einem Strang. Dadurch entstehen plötzlich Sachen mit denen sich keiner hier vor irgendwelchen etablierten Künstlern verstecken muss.“

Zusammen wachsen

Das lockt weiteres Kreativpotenzial hervor – beim ersten Konzert vor Ort kamen Künstler neu dazu, die auf der CD noch gar nicht vertreten waren, es gibt eine Kinder Mantra-Band, an neuen CD-Projekten wird fleißig gebastelt. Auch das Umfeld wird stimuliert: Das bundesweit bekannte Duo „The Love Keys“ orientiert sich in Richtung Bad Meinberg, Janin Devis langjähriger Partner Kai Treude schreibt an einem veganen Kochbuch mit eigener CD und Yoga Vidya freut sich über eine neue GEMA-freie Telefonwarteschleifenmusik aus dem Yogitown-Umfeld.

Das Label erfüllt aber auch eine gemeinschaftsbildende Funktion über den inneren Kreis hinaus: Während gutbürgerlich-katholische Alteingesessene ihre Vorbehalte gegen die „Yoga-Spinner“ pflegen (und umgekehrt), kann sich kaum jemand der faszinierenden Vielfalt der Musik entziehen, die vor Ort entsteht. Besonders mit Konzerten im Kurgastzentrum baut Yogitown Records Brücken im Stadtleben und bietet den Rahmen für ein spannendes Aufeinandertreffen von Kulturen im ländlichen Raum. Vergleichbar mit der alljährlichen Begegnung von Heubauern und Headbangern in Wacken? „Ja, nur nicht so laut“, grinst Klaus Heitz und entlässt uns mit gefühlvollen Harfenklängen in die Beschaulichkeit der ostwestfälischen Provinz.

Weitere Infos:

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